Der Mythos lebt: Die Sonnenallee als Bühne, Fundus und Rückzugsort zugleich. Theater Leben Tanz Lieben Literatur Weinen und grundsätzlich Lachen. Und über allem wacht eine Taube aus Nangijala

Mittwoch, 1. Oktober 2008
Verdammt jung
Fränkischer Tag
10.11.2005

Verdammt jung und heutig
Unbedingt sehenswert: "Kabale und Liebe" an der Studiobühne Bayreuth

Bayreuth. Mein Gott, wie jung sie noch sind, Ferdinand und Luise! Verdammt jung. Und so heutig, so direkt, dass niemand im Publikum auf die Idee käme, in ihnen Kunstfiguren von anno 1784 zu sehen.

von Monika Beer

Die Jubiläumsspielzeit der Studiobühne Bayreuth ist gerade erst angebrochen und schon steht mit „Kabale und Liebe“ ein Highlight fest. Regisseurin Marieluise M. und Dominik K. haben eine Fassung erstellt, die vor allem ein Ziel hat: Friedrich Schillers Trauerspiel einem Publikum von heute nahe zu bringen.
Das ist großartig gelungen. Mit mutigen, klugen Strichen und viel Sprachgefühl ist eine Textvorlage entstanden, die den Freiraum schafft, den die wunderbaren Schillerschen Theaterfiguren brauchen, um auch im 21. Jahrhundert ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Bezeichnungen wie Junker und Hofmarschall, all die sprachlichen „Allfanzereien“, die nicht mehr geläufig sind, wurden gestrichen oder ersetzt, ohne die Substanz des Originals zu verraten. Im Gegenteil: Im Nachhinein macht es um so mehr Spaß, Schiller wieder zu lesen.
Die äußere Folie liefert die Ausstattung von Daniel R., die bewusst karg und kühl in die Jetztzeit verweist. Verblüffend schnell ist die einfache Gebetsklause von Musikus Miller plattgemacht, erschreckend effektiv funktioniert die transparent scheinende Herrschaftsarchitektur, in die alle Figuren eingesperrt sind, auch wenn sie immer noch herein- und hinausstürmen und die Tonkulisse von einer mal heilen, mal bedrohlichen Außenwelt spricht.
Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zwar Ferdinand und Luise, aber der gesellschaftliche Kontext, der politische Sprengstoff bleiben nicht ausgespart. Die Regiekunst Marieluise M.s besteht darin, mit einfachsten Mitteln die größtmögliche Wirkung zu erzielen: Eine Plastikplane genügt, um den Liebestraum Lady Milfords aufblühen und zerplatzen zu lassen. Und wo und wie die Inszenierung inmitten des mitreißenden Tempos auch immer wieder die notwendigen Ruhepunkte findet, nimmt einem fast den Atem.
Dabei gelingt fast nebenbei, auch zu versinnbildlichen, was „Sturm und Drang“ sein könnte. Es ist die Körperlichkeit der Figuren, die das Publikum unmittelbar trifft. Die einen, verpackt in kugelsichere Multifunktionswesten, implodieren eher oder verlieren ohne ihre Panzer ganz einfach ihre Konturen, die anderen explodieren schier in Liebesfreud und -leid.
Beispielhaft für die prägnante Personenzeichnung sind die drei Frauen des Stücks: die rothaarige Millerin im Kittelkleid, die von nichts anderem träumt als von besseren Klamotten und besseren Zeiten; die sehnsuchtsvolle Lady Milford, deren erster Auftritt in Dessous gängige Rollenklischees bedient, um sie dann nachhaltig und pelzverbrämt zu brechen; in ganz normaler Freizeitkluft schließlich die blutjunge Luise, die zerrissen wird zwischen dem Druck, den der naiv gläubige Vater ausübt, und dem Druck ihres eigenen Herzens.
Natürlich ist es ungerecht, nicht alle Darsteller über den grünen Klee zu loben, zumal wenn sie wie hier typengerecht besetzt tatsächlich ihr Bestes geben. Aber es sind vor allem die beiden jungen Protagonisten, die einem hinterher nicht mehr aus dem Kopf wollen: dieser feurig und zart liebende, ungestüm-wütende Ferdinand von Julian B. und Katharina F. als Luise, die es schafft, dem Begriff Innerlichkeit allen Kitsch zu nehmen und eine ganz heutige Glaubwürdigkeit zu geben.
Das Bayreuther Premierenpublikum, darunter der Regierungspräsident samt Frau, war begeistert. Und neben vielen Theaterfreunden werden es auch die Schulklassen sein, die ihren Theaterbesuch endlich mal nicht als Klassikerzwangsverschickung empfinden dürften. Glückliches Bayreuth! Übrigens stellte schon vor 134 Jahren Richard Wagner fest: „Ja, Schiller war ein Stückemacher, er verstand's, ewig wird sich 'Kabale und Liebe' halten, denn was sind was für Rollen, der alte Miller, die Lady, Luise, Ferdinand, Wurm etc.“ Recht hat er.

Termine Weitere Vorstellungen am 15., 16., 19., 22., 28. und 30. November, am 2.,6.,9.,13.,14., 19., 28., 30. und 31. Dezember sowie bis Ende Januar.
Karten Theaterkasse Bayreuth (09 21) 69 001
Weitere Infos: www.studiobuehne-bayreuth.de

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Mittwoch, 1. Oktober 2008
Das Ende eines glor(ia)reichen Sommers...
Lange Schreibpausen meinerseits deuten in der Regel nicht daraufhin, dass ich meine nicht vorhandenen Leser nicht langweilen möchte und nichts Berichtenswertes passiert. Sondern ganz im Gegenteil sind dies meistens die Zeiten, in denen ich so viel erlebe und arbeite, dass mir schlichtweg die Zeit und Muße fehlt, mich hinzusetzen und zu schreiben. Selbst mein nicht-virtuelles Tagebuch leidet dann darunter, und das heißt schon einiges...

Was also ist nun meine Ausrede? Wer oder was ist schuld daran, dass ihr mich so schmerzlich vermissen musstet?? Natürlich, Männer. Wie könnte es auch sonst sein?! Aber nicht wie üblich ein oder zwei, sondern gleich 10 ½ („Mann oder Mädchen?“ Die Frage muss noch geklärt werden...). Oder, anders ausgedrückt: 7 Cowboys, 3 Mexikaner und ein Bandit. Ihr versteht nur Bahnhof? Da liegt ihr leider falsch, denn dort war ich für meine Verhältnisse eher selten in diesen vier, fünf Wochen, denn auf mein Training musste ich leider verzichten. Also endlich mal Klartext:
Ende August begannen die Proben für die – meines Wissens nach erste – Theaterfassung des Westerns „Die Glorreichen Sieben“ des Münsteraner/Berliner Labels „Herz und Mund“.

Vor wenigen Monaten sprach mich „Angstmän“-Dramaturgin Barbara K. darauf an, ob ich bei dieser Produktion nicht die Regieassistenz übernehmen wolle. Wie hätte ich anders entscheiden können, als zuzusagen??? Nun, ich gebe zu, ich habe überlegt. Leicht fiel es mir nicht. Bedeutete es doch den Verzicht auf die Teilnahme am ersten PASS – der Performing Arts Summer School. Aber meine Entscheidung bereue ich nicht, denn da PASS 1 gut ankam, wird nächstes Jahr PASS 2 stattfinden – mit mir. Und ich konnte zuvor noch drei Wochen lang Feuerlöscher für Gloria W'loh zusammenschrauben und damit meinen leeren Geldbeutel etwas füllen. Am letzten Arbeitstag noch schwang ich mich in den Zug nach Bayreuth, suchte mir innerhalb von 20 Stunden meine WG, kam Sonntag früh in Münster an und half ab nachmittags beim Bau der Bühne. Lange Rede, kurzer Sinn: ich war dabei.
Ich gestehe: „Die Glorreichen Sieben“ ist der erste und einzige Western, den ich vollständig gesehen habe. Abgesehen vielleicht von den üblichen Terence Hill Filmen, die man als Kind so verschlingt und sich später fragt, welcher Filter wohl verwendet wurde oder ob seine Augen tatsächlich so blau sind...
Über Konzept, Besetzung und Regieteam könnte ich mich an dieser Stelle lang und breit auslassen, ich tue es jedoch nicht, da es Andre und Barbara sehr viel besser und prägnanter formuliert haben als ich es jemals könnte. Deshalb schaut doch einfach mal auf der Homepage von Herz und Mund vorbei und klickt euch durch die Seiten... Ich schreibe also nur etwas von meinen persönlichen Eindrücken und in meiner mir üblichen, nicht allzu zusammenhängenden Art. Aber ihr kennt meine Gedankensprünge ja schon:)

Nur ein einleitender Satz zu diesem Projekt als Solches: es war ziemlich riskant. 11 Schauspieler, allesamt von Mutter Natur mit sehr stark ausgeprägten und höchst unterschiedlichen Charakteren ausgestattet, davon 10 Männer und eine Frau, prallten hier aufeinander. Bis auf ein oder zwei Ausnahmen hatte noch keiner mit einem der anderen gearbeitet; teilweise kannten sie sich vom Sehen, da die meisten von ihnen verband, schon das ein oder andere mal auf einer der vielen freien und städtischen Münsteraner Bühnen gespielt zu haben. Aber Münster prallte auf Berlin, Hildesheim auf Klagenfurt. Das hätte auf gut Deutsch dermaßen in die Hose gehen können... aber es funktionierte. Erstaunlich gut. Natürlich gab es hier und da kleine Differenzen und Kommunikationsprobleme, aber keine, die nicht hätten behoben werden können und die nicht auch tatsächlich behoben wurden.

[Höchst interessant (und für mich motivierend) ist es, sich den Werdegang der Darsteller anzuschauen: nur drei Schauspieler waren auf staatlichen Schauspielschulen (Hendrik: Ernst Busch, Christoph: Hannover, Philipp: Max Reinhard Seminar), zwei auf privaten (Ekki, Cornelia), unser Musiker Kai stand als Schauspieler zum ersten Mal auf der Bühne, die anderen sind seit sehr vielen Jahren in der freien Szene in ganz Europa aktiv, auch wenn ihre eigentliche Ausbildung eine ganz andere war (Oli hatte eigentlich angewandte Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Bühnenbild in Hildesheim studiert; der Wadersloher Helmut hat auf der WWU Münster Archäologie studiert und als Musiker für Theaterproduktionen gearbeitet, bis jemand „auf die Schnapsidee“ kam, ihn zu besetzen; Harald hat 20 Jahre als Lehrer gearbeitet; Gian-Philip studiert Kulturwissenschaften und arbeitet als Filmkritiker für Zeitungen, Marcell arbeitete zwei Jahre im Zirkus). Und man kann beileibe nicht sagen, dass die ohne staatlich anerkannte Schauspielausbildung weniger gut oder professionell spielen würden!!! ]

Es stießen sehr unterschiedliche Spielstile, Arbeits- und Spieltechniken aufeinander, Scherze trafen auf Analysen, aus-dem-Bauch-Spieler auf einen stets sich und sein Spiel zurückhaltenden und erst in der Endprobenwoche schlagartig aufbrechenden Schauspieler. Auch wenn ich nur Hospitant gewesen wäre und außer Kaffeekochen nichts zu tun gehabt hätte, so wären diese viel zu kurzen vier Wochen eine unglaublich lehrreiche Zeit gewesen, gerade auch was mein Lieblingsstudienobjekt „der gemeine Schauspieler“ betrifft.

Nun, aber ich war nicht Hospitant. Auch wenn ich – da mein Hospitant mich netterweise am zweiten Probentag im Stich gelassen hat – auch die Hospitantentätigkeiten wie Kaffeekochen und Fegen (übrigens gerne) übernahm. Bei den Städtischen hatte ich manchmal als Souffleuse einspringen müssen, wenn diese krank war oder eine Vorstellung hatte, aber erst hier machte es mir wirklich viel Spaß und ich denke, ich hab’s ganz ordentlich gemacht. Das Soufflieren hat übrigens eine angenehme Nebenwirkung: ich konnte so das Stück noch schneller auswendig als bei mir eigentlich üblich! ;)

Nunja, es war eine schöne Zeit. Die ersten Wochen hielt ich mich noch relativ distanziert, weil ich mir noch nicht sicher war, was eigentlich genau von mir erwartet wurde, was meine Aufgaben waren, und wie viel ich mich „trauen“ durfte. Außerdem werde ich zwar relativ schnell „warm“ mit neuen Leuten, wenn es kleine Gruppen sind, aber diese Riesenproduktion mit insgesamt 16 Beteiligten hat mich dann zuerst doch wieder in die schüchterne, zurückhaltende Kati verwandelt... [OFFTOPIC: Ich war in diesem Jahr in Ms übrigens die einzige Katharina, sowohl im beruflichen wie auch im privaten Bereich. Man stelle sich dies einmal vor! Ich war die einzige Katharina an den Städtischen Bühnen!! Tolles Gefühl für jemanden wie mich, die ich mich sonst nie angesprochen fühle, wenn jemand meinen Namen sagt, da ich stets das Gefühl hatte, jede Zweite heißt so wie ich... nur bei einem war ich wieder eine der vielen Katharinas... bei einem, der von Katharinas verfolgt zu werden schien. Ich hoffe sehr, ich war eine positive Ausnahme. Erfahren werde ich es nie]

Aber dies änderte sich spätestens bei unserem Umzug von den Probebühnen im Hoppegarten ins Pumpenhaus am Sonntag vor der Endprobenwoche. So ein Ab- und Aufbau mit 5,5 Tonnen Sand, 8 (?) großen, schweren Holzpodesten, einer sehr empfindlichen Plakatwand, Kostümen für 11 Schauspielern (teilweise mit Doppelrollen), unzähligen Waffen und Requisiten ist an und für sich eine ätzende Angelegenheit. Aber nicht bei uns. Ich weiß natürlich nicht, ob das allgemein üblich ist in der freien Szene oder wir auch in dieser Hinsicht eine positive Ausnahmeerscheinung bildeten, aber mir ging das Herz über vor Freude und – ja, irgendwie auch Stolz, als ich sah, dass auch Regisseur und Dramaturgin und fast alle Schauspieler mitanpackten und stundenlang arbeiteten, um den Umzug im wörtlichen Sinne glatt über die Bühne zu bringen. Dadurch, dass wir so viele waren, wir Schubkarre um Schubkarre Sand abtransportierten, man also rasch Ergebnisse sah, auch wenn man Stunden arbeitete, zwischendurch Witze riss, sich unterhielt, Pizza kommen ließ, war es keine ätzende Arbeit mehr, sondern ein Event. Ja, es war geradezu spaßig.
In dieser letzten Woche im Pumpenhaus war ich bis auf ein, zwei Ausnahmen von morgens bis abends (bzw. nachts oder morgens... *g*) im Theater, weil ich noch etwas am Bühnenbild half, die Perücke zu frisieren versuchte, mit den Zivis quatschte, wir leuchteten oder Toneinrichtung hatten (ich fahr bei den Vorstellungen, bei denen ich dabei war/bin, den Ton, d.h. den Sprecher, die Schüsse, die Musik etc). Und ich mich außerdem dort sehr wohl fühlte. Das Pumpenhaus ist inzwischen mein Ideal als späteres Arbeitsfeld geworden... Nun, und abends nach der Probe bauten wir weiter und/oder tranken noch etwas. Wie es sich für Cowboys gehört, sprengten wir bei der Premierenfeier auch sämtliche Rekorde des Pumpenhauses bei Veranstaltungen dieser Art und blieben bis nach sieben. Nach der zweiten ging es dann früher auseinander, aber beim Abschiedsessen im Sabroso am Sonntag hielt der hartgesottene Kern, zu dem ich seit dieser letzten Woche auch gehörte, bis immerhin wieder fünf durch... ;)

Beim zweiten Block in Münster vom 10. bis 14. November kann ich leider nicht dabei sein, weil ich ab dem 18. Oktober zum Studentenpack gehöre („Theater und Medien“ auf Bachelor). Seltsamer Gedanke irgendwie, dass ich hier in Bayern (scusi: FRANKEN) wohne und zudem studieren werde. Nicht nur deshalb, weil ich mich eher als „Nordlicht“ empfinde und es mich intuitiv immer in eine Stadt wie Kiel, Hamburg, Berlin oder auch Dresden gezogen hätte. Nein, früher war mir immer klar, dass ich der geborene Student bin, der sich stundenlang hinter und wenn nötig auch in Büchern verkriecht und lernt und liest und schreibt, in Vorlesungen mitstenograviert und quatscht, Referate vorbereitet und abends in Studentenkneipen aus geht. Aber jetzt... es kommt mir so vor, als sei dies ein Schritt rückwärts. Ich habe ein Jahr lang gearbeitet, die Praxis miterlebt, den Alltag. Ich hab mir eine Erfahrung, einen gewissen „Bekanntheitsgrad“ (in meinem Rahmen, d.h. als Hospitant und Assistent), ein Selbstverständnis angeeignet, die mich über die Idee, als kleiner Student zu büffeln, abgeschottet von der Wirklichkeit, ausgegrenzt vom Theaterleben, lächeln lassen. Gleichzeitig macht diese Vorstellung mir Angst. Angst, all das Gelernte zu verlieren. Zu vergessen und vergessen zu werden. Deshalb werde ich mich anstrengen, mein Studium sehr zu nutzen, auch wenn es noch nicht Schauspiel ist, und viel lernen, mich engagieren, viel spielen, eventuell selbst inszenieren, mehr Gesangserfahrung zu bekommen etc. Außerdem werde ich versuchen, in möglichst engem Kontakt zu „meinen Theaterleuten“ zu bleiben, in den Semesterferien Hospitanzen und Assistenzen zu machen (auch in Richtung Bühne und Kostüm; das ist superspannend!!), „meine“ Projekte nach Münster zu bringen und in Münster evtl. mal mit Jens zusammen ein Filmprojekt machen.

Whatever. Für den Berlin-Block (ab dem 15.November; Vorstellungen vom 18. bis 21. November im Theater unterm Dach) werde ich mir selbst frei geben. Ich vermisse meine Cowboys jetzt schon...

10. Oktober 2004

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