Der Mythos lebt: Die Sonnenallee als Bühne, Fundus und Rückzugsort zugleich. Theater Leben Tanz Lieben Literatur Weinen und grundsätzlich Lachen. Und über allem wacht eine Taube aus Nangijala

Mittwoch, 1. Oktober 2008
Kritiken
Kritiken zu Theaterstücken meiner Wenigkeit

Kabale und Liebe, diesmal "verdammt jung und heutig"

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Die Beine einer Schauspielerin...
... sind ziemlich unansehnlich. Durchtrainiert zwar durch das Herumturnen und –rennen auf Probe und Bühne, aber die Knie aufgeschlagen und in einem changierenden rot-violett-schwarz. Die Haut gerötet vom täglichen hastigen Rasieren mit billigen Rasierern vor den Vorstellungen. Die Knöchel mit blauen Flecken bedeckt, die Zehen häufig blutig gerissen am Bühnenboden. Die Fußsohlen nicht samtweich, sondern hart von Hornhaut.
Überhaupt, die Bühne macht hässlich! Diese elenden zentimeterdicken Schichten von Make Up auf der Haut, die daraufhin reagiert wie bei einem dreizehnjährigen Teenager, der verhasste Lippenstift trocknet die Lippen, das grelle Scheinwerferlicht die Augen rettungslos aus, die staubige Luft lässt Kontaktlinsen porös und das Flechten und Zottelig-Zausen Haare brüchig und glanzlos werden.

Und doch – macht das Bühnenleben auch nicht schön, so gibt es dennoch nichts Schöneres als das Bühnenleben.


10. Dezember 2005

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Mittwoch, 1. Oktober 2008
Was braucht man, um aus einem Mann ein Kind zu machen?
Genau drei Dinge:

Ein Paar Cowboystiefel, einen Westernhut und ein Holster an seinem Gürtel.
Dieses Phänomen beobachtete ich fassungslos am ersten Probentag. Gestandene Männer verwandelten sich ohne Vorwarnung blitzschnell in kleine Kinder, die Cowboys spielten. Das hielt bis zu den Vorstellungen; in jeder freien und unfreien Minute übten sie, wie ein Cowboy zu gehen, die Pistole (entschuldigt vielmals: den REVOLVER) möglichst schnell zu ziehen und besonders kunstvoll zurückzustecken. Und diese Ernsthaftigkeit dabei... es war zum Schießen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht der einzige Grund, dass Calvera und seine Männer sich überrumpeln und besiegen ließen: es war ihr fassungsloses Staunen ob dieser seltsamen Sorte Menschen, die sich mit einer Begeisterung und vermittelten Notwendigkeit ihren Waffen hingaben, dass sie ihre eigentliche Aufgabe vergaßen.

Das Ende eines glor(ia)reichen Sommers...

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Theatrum
Teatrum... und eine ganze Welt schließt mir ihre Tore auf. Das Paradies, welches ich vielleicht mein ganzes Leben lang angestrebt habe und anstreben werde und dann doch niemals erreiche.

Ein Leben wie in den 20ern in Berlin... arm, etwas heruntergekommen, mit lockerer Moral, zu viel Alkohol und Tanz, aber glücklich. Tagsüber eine Arbeit, die nicht zufrieden, aber satt macht, und abends beginnen wir zu leben, unsere von außen unscheinbare Wohnung zündet ihr rotes, grünes, blaues und gelbes Licht, und diese Säle der Inspiration verraten endlich ihr geheimes Leben, die in ihnen schlummernde Energie. Die tagsüber nur erdrückende Bücherwand als Quelle von Träumen und Streiten, der leere eingestaubte Raum offenbart seine Schätze auf Leinwand und in Modellen, die Stühle werden von den Tischen gestellt, die Vorhänge beiseite geschoben und die Menschen strömen herein – sie wollen uns sehen, unsere Kneipe, sie sind neugierig, was heute aus einem schier unerschöpflichen Brunnen an sprudelnder, brodelnder Phantasie an die Oberfläche schießt: ein spontanes Jazzkonzert auf Gitarre, Saxophon und Querflöte, eine Ausstellung, ein kleines mehrsprachiges Poesiefestival, ein ergreifendes oder zum schreien komisches Schauspiel, eine Traumreise, ein nie getanzter Tanz oder einfach nur ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit, das diese abstoßend seltsamen doch anziehend sympathischen Gestalten verbreiten?

Wenn sie zusammen Länder erbauen, Mauern einreißen, lachend unter den Tischen liegen und kein verständliches Wort hervorbringen, wenn sie sich weinend im Arm liegen und das Leid der Welt in Aug und Stimme haben, dann drehen sich die Menschen ab und denken „die sind doch verrückt“ – und fragen sich zugleich, warum sie selbst es nicht auch sein können.

Ende September 2005

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