Der Mythos lebt: Die Sonnenallee als Bühne, Fundus und Rückzugsort zugleich. Theater Leben Tanz Lieben Literatur Weinen und grundsätzlich Lachen. Und über allem wacht eine Taube aus Nangijala

Donnerstag, 16. Oktober 2008
Fast perfekt
Beinahe Vollmond, vielleicht noch einen Tag. Es ist zu schön, die Kirche, die Lichter
im Wasser, der glänzende Himmel im tiefsten Dunkelblau, die Sterne, die von Kälte sprechen. Wenn nicht die Plattenbauten die andere Seite des kleinen Paradieses säumten, und nur die halbe Dunkelheit den Müll und die Bierflaschen zwischen den Wasserspielen verschwieg. Dennoch: hier müsste doch eigentlich jemand auf der Gitarre Liebeslieder spielen, und überall küssende Paare stehen. Sagst du. Aber wer ertrüge schon Romantik?

Wir stehen mitten in diesem halben Paradies. Ist es tatsächlich das Zuviel an ortsgegebener Romantik, oder aber deine analytische Betrachtung des Ortes? Unter dem Baum, als du mir das Heiligenbildchen aus einer anderen Welt zeigtest, da war ein Hauch von— und schon verschwunden.

Du willst Romantik, du willst mit aller Kraft etwas Perfektes, Wunderschönes – und zerstörst dadurch alles. Du verschließt dich der Wirklichkeit, die eben manchmal anders abläuft als deine Idee. Du hast Koffein in meine Adern gepumpt und verlangst nun von mir, dass ich wieder schlafen soll; du sagst, ich sei dir zu wach. Du willst etwas Festes, Dauerndes – glaub mir, genau das will ich auch... Doch für dich kann es nur die eine oder die andere Bedeutung dieser Begriffe geben, keine zweideutige und dabei beiddeutige. Du hast dich abgestumpft, aber mir gibst du das Gefühl, von Trieben gesteuert zu sein. Ich war zweieinhalb Jahre allein und beinahe enthaltsam, aber du bist die moralische Figur in dieser Beziehung, die auf diese Art niemals eine werden wird. Du redest von Kindern, aber unternimmst keinen Versuch, meine Hand zu berühren.

Ich will mich nicht mehr verstellen. Ich spiele den ganzen Tag, ich möchte nicht auch mit dir ein Spielchen treiben. Warum so tun, als hätten wir uns nie geküsst?
Ich verstehe dich nicht. Und du zermürbst mich. Lang halte ich das nicht aus, ich verlasse die Bühne nach dieser oder der nächsten Szene. Und in der Kulisse wartet dann wieder mein oedipaler Adoptivsohnemann, der mit mir fliehen will. Und wer weiß – vielleicht tue ich es diesmal.

13.10.2008, 02:17 Uhr

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Du willst Romantik, du willst mit aller Kraft etwas Perfektes, Wunderschönes – und zerstörst dadurch alles.

Hach. Wie bekannt das vorkommt. Sowas von bekannt.

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