Mittwoch, 1. Oktober 2008
Verdammt jung
rivella, 02:16h
Fränkischer Tag
10.11.2005
Verdammt jung und heutig
Unbedingt sehenswert: "Kabale und Liebe" an der Studiobühne Bayreuth
Bayreuth. Mein Gott, wie jung sie noch sind, Ferdinand und Luise! Verdammt jung. Und so heutig, so direkt, dass niemand im Publikum auf die Idee käme, in ihnen Kunstfiguren von anno 1784 zu sehen.
von Monika Beer
Die Jubiläumsspielzeit der Studiobühne Bayreuth ist gerade erst angebrochen und schon steht mit „Kabale und Liebe“ ein Highlight fest. Regisseurin Marieluise M. und Dominik K. haben eine Fassung erstellt, die vor allem ein Ziel hat: Friedrich Schillers Trauerspiel einem Publikum von heute nahe zu bringen.
Das ist großartig gelungen. Mit mutigen, klugen Strichen und viel Sprachgefühl ist eine Textvorlage entstanden, die den Freiraum schafft, den die wunderbaren Schillerschen Theaterfiguren brauchen, um auch im 21. Jahrhundert ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Bezeichnungen wie Junker und Hofmarschall, all die sprachlichen „Allfanzereien“, die nicht mehr geläufig sind, wurden gestrichen oder ersetzt, ohne die Substanz des Originals zu verraten. Im Gegenteil: Im Nachhinein macht es um so mehr Spaß, Schiller wieder zu lesen.
Die äußere Folie liefert die Ausstattung von Daniel R., die bewusst karg und kühl in die Jetztzeit verweist. Verblüffend schnell ist die einfache Gebetsklause von Musikus Miller plattgemacht, erschreckend effektiv funktioniert die transparent scheinende Herrschaftsarchitektur, in die alle Figuren eingesperrt sind, auch wenn sie immer noch herein- und hinausstürmen und die Tonkulisse von einer mal heilen, mal bedrohlichen Außenwelt spricht.
Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zwar Ferdinand und Luise, aber der gesellschaftliche Kontext, der politische Sprengstoff bleiben nicht ausgespart. Die Regiekunst Marieluise M.s besteht darin, mit einfachsten Mitteln die größtmögliche Wirkung zu erzielen: Eine Plastikplane genügt, um den Liebestraum Lady Milfords aufblühen und zerplatzen zu lassen. Und wo und wie die Inszenierung inmitten des mitreißenden Tempos auch immer wieder die notwendigen Ruhepunkte findet, nimmt einem fast den Atem.
Dabei gelingt fast nebenbei, auch zu versinnbildlichen, was „Sturm und Drang“ sein könnte. Es ist die Körperlichkeit der Figuren, die das Publikum unmittelbar trifft. Die einen, verpackt in kugelsichere Multifunktionswesten, implodieren eher oder verlieren ohne ihre Panzer ganz einfach ihre Konturen, die anderen explodieren schier in Liebesfreud und -leid.
Beispielhaft für die prägnante Personenzeichnung sind die drei Frauen des Stücks: die rothaarige Millerin im Kittelkleid, die von nichts anderem träumt als von besseren Klamotten und besseren Zeiten; die sehnsuchtsvolle Lady Milford, deren erster Auftritt in Dessous gängige Rollenklischees bedient, um sie dann nachhaltig und pelzverbrämt zu brechen; in ganz normaler Freizeitkluft schließlich die blutjunge Luise, die zerrissen wird zwischen dem Druck, den der naiv gläubige Vater ausübt, und dem Druck ihres eigenen Herzens.
Natürlich ist es ungerecht, nicht alle Darsteller über den grünen Klee zu loben, zumal wenn sie wie hier typengerecht besetzt tatsächlich ihr Bestes geben. Aber es sind vor allem die beiden jungen Protagonisten, die einem hinterher nicht mehr aus dem Kopf wollen: dieser feurig und zart liebende, ungestüm-wütende Ferdinand von Julian B. und Katharina F. als Luise, die es schafft, dem Begriff Innerlichkeit allen Kitsch zu nehmen und eine ganz heutige Glaubwürdigkeit zu geben.
Das Bayreuther Premierenpublikum, darunter der Regierungspräsident samt Frau, war begeistert. Und neben vielen Theaterfreunden werden es auch die Schulklassen sein, die ihren Theaterbesuch endlich mal nicht als Klassikerzwangsverschickung empfinden dürften. Glückliches Bayreuth! Übrigens stellte schon vor 134 Jahren Richard Wagner fest: „Ja, Schiller war ein Stückemacher, er verstand's, ewig wird sich 'Kabale und Liebe' halten, denn was sind was für Rollen, der alte Miller, die Lady, Luise, Ferdinand, Wurm etc.“ Recht hat er.
Termine Weitere Vorstellungen am 15., 16., 19., 22., 28. und 30. November, am 2.,6.,9.,13.,14., 19., 28., 30. und 31. Dezember sowie bis Ende Januar.
Karten Theaterkasse Bayreuth (09 21) 69 001
Weitere Infos: www.studiobuehne-bayreuth.de
10.11.2005
Verdammt jung und heutig
Unbedingt sehenswert: "Kabale und Liebe" an der Studiobühne Bayreuth
Bayreuth. Mein Gott, wie jung sie noch sind, Ferdinand und Luise! Verdammt jung. Und so heutig, so direkt, dass niemand im Publikum auf die Idee käme, in ihnen Kunstfiguren von anno 1784 zu sehen.
von Monika Beer
Die Jubiläumsspielzeit der Studiobühne Bayreuth ist gerade erst angebrochen und schon steht mit „Kabale und Liebe“ ein Highlight fest. Regisseurin Marieluise M. und Dominik K. haben eine Fassung erstellt, die vor allem ein Ziel hat: Friedrich Schillers Trauerspiel einem Publikum von heute nahe zu bringen.
Das ist großartig gelungen. Mit mutigen, klugen Strichen und viel Sprachgefühl ist eine Textvorlage entstanden, die den Freiraum schafft, den die wunderbaren Schillerschen Theaterfiguren brauchen, um auch im 21. Jahrhundert ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Bezeichnungen wie Junker und Hofmarschall, all die sprachlichen „Allfanzereien“, die nicht mehr geläufig sind, wurden gestrichen oder ersetzt, ohne die Substanz des Originals zu verraten. Im Gegenteil: Im Nachhinein macht es um so mehr Spaß, Schiller wieder zu lesen.
Die äußere Folie liefert die Ausstattung von Daniel R., die bewusst karg und kühl in die Jetztzeit verweist. Verblüffend schnell ist die einfache Gebetsklause von Musikus Miller plattgemacht, erschreckend effektiv funktioniert die transparent scheinende Herrschaftsarchitektur, in die alle Figuren eingesperrt sind, auch wenn sie immer noch herein- und hinausstürmen und die Tonkulisse von einer mal heilen, mal bedrohlichen Außenwelt spricht.
Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zwar Ferdinand und Luise, aber der gesellschaftliche Kontext, der politische Sprengstoff bleiben nicht ausgespart. Die Regiekunst Marieluise M.s besteht darin, mit einfachsten Mitteln die größtmögliche Wirkung zu erzielen: Eine Plastikplane genügt, um den Liebestraum Lady Milfords aufblühen und zerplatzen zu lassen. Und wo und wie die Inszenierung inmitten des mitreißenden Tempos auch immer wieder die notwendigen Ruhepunkte findet, nimmt einem fast den Atem.
Dabei gelingt fast nebenbei, auch zu versinnbildlichen, was „Sturm und Drang“ sein könnte. Es ist die Körperlichkeit der Figuren, die das Publikum unmittelbar trifft. Die einen, verpackt in kugelsichere Multifunktionswesten, implodieren eher oder verlieren ohne ihre Panzer ganz einfach ihre Konturen, die anderen explodieren schier in Liebesfreud und -leid.
Beispielhaft für die prägnante Personenzeichnung sind die drei Frauen des Stücks: die rothaarige Millerin im Kittelkleid, die von nichts anderem träumt als von besseren Klamotten und besseren Zeiten; die sehnsuchtsvolle Lady Milford, deren erster Auftritt in Dessous gängige Rollenklischees bedient, um sie dann nachhaltig und pelzverbrämt zu brechen; in ganz normaler Freizeitkluft schließlich die blutjunge Luise, die zerrissen wird zwischen dem Druck, den der naiv gläubige Vater ausübt, und dem Druck ihres eigenen Herzens.
Natürlich ist es ungerecht, nicht alle Darsteller über den grünen Klee zu loben, zumal wenn sie wie hier typengerecht besetzt tatsächlich ihr Bestes geben. Aber es sind vor allem die beiden jungen Protagonisten, die einem hinterher nicht mehr aus dem Kopf wollen: dieser feurig und zart liebende, ungestüm-wütende Ferdinand von Julian B. und Katharina F. als Luise, die es schafft, dem Begriff Innerlichkeit allen Kitsch zu nehmen und eine ganz heutige Glaubwürdigkeit zu geben.
Das Bayreuther Premierenpublikum, darunter der Regierungspräsident samt Frau, war begeistert. Und neben vielen Theaterfreunden werden es auch die Schulklassen sein, die ihren Theaterbesuch endlich mal nicht als Klassikerzwangsverschickung empfinden dürften. Glückliches Bayreuth! Übrigens stellte schon vor 134 Jahren Richard Wagner fest: „Ja, Schiller war ein Stückemacher, er verstand's, ewig wird sich 'Kabale und Liebe' halten, denn was sind was für Rollen, der alte Miller, die Lady, Luise, Ferdinand, Wurm etc.“ Recht hat er.
Termine Weitere Vorstellungen am 15., 16., 19., 22., 28. und 30. November, am 2.,6.,9.,13.,14., 19., 28., 30. und 31. Dezember sowie bis Ende Januar.
Karten Theaterkasse Bayreuth (09 21) 69 001
Weitere Infos: www.studiobuehne-bayreuth.de
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rivella,
Donnerstag, 16. Oktober 2008, 22:22
Die Namen wurden aus Gründen der Privatsphäre abgekürzt...
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