Mittwoch, 1. Oktober 2008
Rumänische Reisepost
rivella, 01:56h
Hallo zusammen!
Es ist vielleicht seltsam, Reisepost zu verschicken, wenn man schon wieder zurückgekommen ist, doch hatte ich nicht immer Internetanschluss oder die Zeit, diese email zu schreiben.
Ich war knapp zwei Wochen in Rumänien, einem Land, das mir zuvor schlichtweg unbekannt war. Ich wusste nichts über Landschaft, Politik, Wirtschaft und Leute – über letztere nur, dass ich letzten Sommer bei der Performing Arts Summer School (PASS) vier „Vertreter“ des Landes kennen gelernt hatte und sie so aufgeschlossen und einfach wahnsinnig nett waren, dass ich sie in diesen Semesterferien unbedingt besuchen musste. Was verband ich zuvor mit Rumänien? Graf Dracula in Transsilvanien natürlich (der weder Graf noch aus Transsilvanien war und vor allem kein Vampir, sondern König in Valachia), außerdem, dass es bis ’89 kommunistisch war, sie 2007 vermutlich der EU beitreten und dass das Land arm ist.
Innerhalb des Landes bin ich leider nicht so viel herumgereist wie ich gerne gewollt hätte (man ist ja doch nur eine arme Studentin; außerdem organisieren u.a. Georgiana und ich z. Zt. PASS in Timişoara), so dass ich Timişoara (Banat, im Westen) und Bucharest (im Südosten) und das komplette Gebiet dazwischen aus dem Zugfenster heraus gesehen habe. Ich verschone euch von den (allerdings sehr interessanten) politischen bzw. geschichtlichen Hintergründen, die ich im Laufe der zwei Wochen durch Bücher und Erzählungen erfahren habe. Ob euch mein eigenes Geschreibsel interessiert, müsst ihr selbst entscheiden, und entweder lesen, oder nicht lesen, wie ich dieses Land gesehen habe.
28.03.2006, 10:40
In Bucharest, doch auf den Gleisen, deshalb weder noch in der Stadt oder schon auf dem Weg – da wir noch nicht fahren –, noch in Timişoara. Noch lange nicht in Timişoara. Und diesmal keine Punks, die mir die Fahrt interessanter gestalten. Dafür vielleicht Ruhe zum Schlafen und Schreiben.
Bucharest war unglaublich. Vielleicht liegt das nur am Wetter, an der Sonne und der Wärme, als ob jemandem plötzlich aufgefallen wäre, dass zum Frühling kein Schnee mehr gehört. Vielleicht aber auch daran, dass es so schön war, nach Georgie jetzt auch Andrei, Ràzvan und Dan wiedergesehen zu haben. (...)
Bucharest ist eine Stadt der Kontraste: hier trifft extrem arm auf extrem reich, Orient auf Oxident, vorkommunistische Traumvillen auf kommunistische Betonklötze und nachkommunistische Glasfassaden, Gypsis (Zigeuner), die mit Eseln Land bearbeiten und in improvisierten Hütten am Rand der Stadt im Müll leben auf italienische Unternehmer, die hier mit wenig Geld ein Imperium aufbauen und einen Lebensstandart genießen, von dem sie daheim nur träumen könnten.
Was weiß ich schon über dieses Land? Es ist mir noch immer ein Rätsel. Die Frage, die ich gleich zu Anfang stellte, stelle ich auch jetzt, gegen Ende meiner Reise noch, und erhalte stets die gleiche Antwort. „Wie schafft ihr es hier zu überleben?“ – „Das fragen wir uns selbst auch immer wieder“. Und ich meine „überleben“ nicht im Sinne von „aushalten“ (dieses Land ist einfach wundervoll, abgesehen von Politik und Wirtschaft), sondern tatsächlich wortwörtlich. Die meisten verdienen bei 8 Stunden und fünf bis sieben Tagen Arbeit die Woche 250 €. Davon gehen 110 bis 220 € (Bucharest) an Miete für eine kleine Einzimmerwohnung ab. Lebensmittel in Supermärkten sowie Ausgehen (Essen, Trinken) kostet etwa ein Drittel dessen, was wir in Deutschland dafür bezahlen. Kleidung, Schuhe, Land, englische Bücher etc. sind sehr viel teurer als in Deutschland. Diese Armut steht in so starkem Kontrast zu den riesigen Ölfeldern, die an meinem Zugfenster vorbeiziehen. (...)
14:05
Auf den vielen, kleinen Feldern stehen die Menschen und bearbeiten die Erde mit kleinen Hacken, graben sie mit Schaufeln um und sähen Getreide aus einem um ihren Körper gewundenen Tuch per Hand. Störche waten durch die versumpften Wasserflächen, und auf unbearbeiteten Feldern sieht man einen alten Mann auf einem Pferdekarren aus Holz, von dem aus er Müll mit einer Schaufel zwischen den Strommasten entsorgt. Es ist wie eine Zeitreise, wenn man mit dem Zug durchs Land fährt. Bucharest und Timişoara haben einen sehr westlichen Einfluss und es gibt nicht genügend Parkplätze für all die Autos, die vor drei, vier Jahren plötzlich aus dem Boden schossen, so dass ein mehrstimmiges Konzert von Alarmanlagen zur alltäglichen Geräuschkulisse geworden ist, während sich Fußgänger auf den Bürgersteigen an den Autos vorbeizuquetschen versuchen. Und Bucharest hat erfreulich viele Theater, die – laut Andrei – auch tatsächlich stets sehr gut besucht sind. Aber hier auf dem Land...?
Ich habe einen Trecker gesehen, und manchmal Pferde, die einen Pflug zogen, aber meist wird die Erde eben doch mit Schaufeln umgegraben. Das Stroh wird zu spitz zulaufenden Hüten zusammengebunden und vor dem Haus gelagert, Schafe grasen zwischen den Eisenbahnschienen und dem Müll. Überhaupt: dieser Müll! Er allein zerstört die Illusion, sich in meinem alten Geschichtsbuch zu befinden. Die Grundstücke sind lang und schmal, darauf ein kleines Häuschen, das aussieht, als würde es bei jedem Windhauch oder Husten einstürzen können. Holz, Wellblech und manchmal Steine bilden die vier Wände dieser Menschen, die in selbstgestrickten Wolljacken und Kopftüchern auch mit altersgebeugtem Rücken noch auf dem Feldstreifen vor ihrem Haus stehen und mühsam den trockenen Boden bearbeiten. An den kleinen Bahnhöfen sehe ich strickende Frauen, dösende Alte, Jungs die barfuss Fußball spielen und Jugendliche in rosa oder dunkelblauen Trainingsanzügen. Die Mädels haben ihre wunderschönen dunklen Haare meist durch schlecht blondierte Strähnen verdorben und tragen Strassapplikationen auf den T-Shirts. Ein Mädchen mit dunkelblonden Haaren, Jeans und Wasserflasche, das zwischen ihren Tüten und Taschen abseits der anderen sitzend ein Buch liest, sticht mir sofort ins Auge. Das könnte ja ich sein... aber mein Zug rollt weiter, und vergeblich versuchen mein neuer Abteilteiler (was für ein Wort...*g*) und ich einen mit Schläuchen gefüllten großen Pappkarton auf die Gepäckablage zu hieven.
Dieses Land ist der Wahnsinn. Satte Erde, Flüsse, Seen, Berge, Wälder, weitgestreckte Felder, Anschluss an Donau und das Schwarze Meer, phantastische Burgen, mittelalterliche Dörfer, eine fesselnde Geschichte, ein weltbekannter Mythos, Ölfelder, schöne und stark westlich orientierte Städte, offene, freundliche Menschen, herangewachsene und heranwachsende Generationen, deren Englischkenntnisse die der meisten anderen europäischen Länder weit übertreffen und die meist noch ein bis zwei weitere Sprachen (Spanisch, Italienisch, Französisch) fließend sprechen und mit dem Verständnis einer eigenen alten Kultur und der Neugier auf den Westen.
Mein Abteilteiler und ich versuchen uns zu unterhalten; das gestaltet sich als schwierig, da er nur seine eigene Sprache kann, aber wenn ich Italienisch spreche und er Rumänisch spricht, verstehen wir etwa immer ein Viertel oder Fünftel dessen, was der andere sagen will ;)
Sagte ich, Bucharest sei eine Stadt der Kontraste? Rumänien ist ein Land der Kontraste. Und über allem schwebt immer noch der Einfluss der Diktatur. Die Revolution war 1989 und Rumänien ist eine Demokratie, doch wer hat hier heute eigentlich das Sagen? Andrei (arbeitet für Sokrates – zumindest die Studenten unter euch müssen jetzt wissend nicken) erzählte mir, dass 90% der im Öffentlichen Dienst Beschäftigten (Lehrer, Professoren, Politiker, Verwaltung etc) über 50 Jahre alt sind. Das bedeutet zum einen für die Schul- und Hochschulabgänger, dass sie keine Arbeit finden. Zum anderen, dass heute die gleichen Menschen Schüler und Studenten unterrichten, die Gemeinden, Städte und das Land verwalten und regieren die gleichen sind wie im Kommunismus. Wen wundert es also, dass alle jungen, gebildeten und ehrgeizigen jungen Leute alles versuchen, um ins Ausland zu kommen? Ràzvan geht nach London, Georgie in die Staaten. Dan braucht nicht weg, er arbeitet in der National Bank of Bucharest. Und Andrei ist aufgrund seines Jobs sowieso mehr unterwegs als zu Haus. Ich sprach Georgie darauf an, dass doch eigentlich gerade die Studenten im Land bleiben müssten, um es auf- und all diese Missstände abzubauen. Aber sie hat wahrscheinlich recht, wenn sie sagte „Was erwartet mich hier denn? Wenn ich mit meinem Studium fertig bin, werde ich entweder arbeitslos oder für 120€ (Anfangsgehalt eines Lehrers) irgendwo auf dem Land an einer Schule unterrichten.“ Sie hat ein Vollstipendium für die Staaten und wird dort nach ihrem Bachelor ihren Master und vermutlich Doktor machen. Und nach 15 Jahren wiederkommen, wenn die heute 50jährigen in Rente sind.
Das waren alles nur Ausschnitte von Eindrücken, die ich gesammelt habe – aber ich war kaum zwei Wochen dort, habe Transsilvanien nicht gesehen, weiß nur aus zweiter Hand über die ungarische Minderheit und die Politik dieses Landes. Aber der Gedanke hat sich verfestigt, dass es eine sehr gute Idee war, PASS für dieses Jahr nach Rumänien zu verlegen – als Chance für das Land, sich dem Westen (nunja, also unseren Teilnehmern *g*) vorzustellen, und für die Teilnehmer, dieses Land zumindest ansatzweise zu entdecken.
Was ich ansonsten mache, wenn ich nicht gerade herumreise? Kabale und Liebe ist nach 28 Vorstellungen, die Wochen im voraus ausverkauft waren, abgespielt, ich habe gerade Semesterferien und schreibe eine Hausarbeit, demnächst beginnen die Proben für das Kinderstück in der Eremitage (Die Kleine Zauberflöte). Ich wäre gerne noch zu einer der Vorstellungen vom „Leben der Bohème“ nach Münster gekommen, aber nachdem ich nach und in Rumänien stunden- und tagelang Zug gefahren bin, muss ich jetzt erst mal dringend eine Reisepause einlegen. Ich wünsche euch aber schöne Vorstellungen und viel Spaß!!
Alles Liebe aus Bayreuth,
Katharina
PS: ja, verflucht mich ruhig für diesen langen emails, aber dafür kommen sie ja auch nur noch ein- bis zweimal pro Jahr ;)
Es ist vielleicht seltsam, Reisepost zu verschicken, wenn man schon wieder zurückgekommen ist, doch hatte ich nicht immer Internetanschluss oder die Zeit, diese email zu schreiben.
Ich war knapp zwei Wochen in Rumänien, einem Land, das mir zuvor schlichtweg unbekannt war. Ich wusste nichts über Landschaft, Politik, Wirtschaft und Leute – über letztere nur, dass ich letzten Sommer bei der Performing Arts Summer School (PASS) vier „Vertreter“ des Landes kennen gelernt hatte und sie so aufgeschlossen und einfach wahnsinnig nett waren, dass ich sie in diesen Semesterferien unbedingt besuchen musste. Was verband ich zuvor mit Rumänien? Graf Dracula in Transsilvanien natürlich (der weder Graf noch aus Transsilvanien war und vor allem kein Vampir, sondern König in Valachia), außerdem, dass es bis ’89 kommunistisch war, sie 2007 vermutlich der EU beitreten und dass das Land arm ist.
Innerhalb des Landes bin ich leider nicht so viel herumgereist wie ich gerne gewollt hätte (man ist ja doch nur eine arme Studentin; außerdem organisieren u.a. Georgiana und ich z. Zt. PASS in Timişoara), so dass ich Timişoara (Banat, im Westen) und Bucharest (im Südosten) und das komplette Gebiet dazwischen aus dem Zugfenster heraus gesehen habe. Ich verschone euch von den (allerdings sehr interessanten) politischen bzw. geschichtlichen Hintergründen, die ich im Laufe der zwei Wochen durch Bücher und Erzählungen erfahren habe. Ob euch mein eigenes Geschreibsel interessiert, müsst ihr selbst entscheiden, und entweder lesen, oder nicht lesen, wie ich dieses Land gesehen habe.
28.03.2006, 10:40
In Bucharest, doch auf den Gleisen, deshalb weder noch in der Stadt oder schon auf dem Weg – da wir noch nicht fahren –, noch in Timişoara. Noch lange nicht in Timişoara. Und diesmal keine Punks, die mir die Fahrt interessanter gestalten. Dafür vielleicht Ruhe zum Schlafen und Schreiben.
Bucharest war unglaublich. Vielleicht liegt das nur am Wetter, an der Sonne und der Wärme, als ob jemandem plötzlich aufgefallen wäre, dass zum Frühling kein Schnee mehr gehört. Vielleicht aber auch daran, dass es so schön war, nach Georgie jetzt auch Andrei, Ràzvan und Dan wiedergesehen zu haben. (...)
Bucharest ist eine Stadt der Kontraste: hier trifft extrem arm auf extrem reich, Orient auf Oxident, vorkommunistische Traumvillen auf kommunistische Betonklötze und nachkommunistische Glasfassaden, Gypsis (Zigeuner), die mit Eseln Land bearbeiten und in improvisierten Hütten am Rand der Stadt im Müll leben auf italienische Unternehmer, die hier mit wenig Geld ein Imperium aufbauen und einen Lebensstandart genießen, von dem sie daheim nur träumen könnten.
Was weiß ich schon über dieses Land? Es ist mir noch immer ein Rätsel. Die Frage, die ich gleich zu Anfang stellte, stelle ich auch jetzt, gegen Ende meiner Reise noch, und erhalte stets die gleiche Antwort. „Wie schafft ihr es hier zu überleben?“ – „Das fragen wir uns selbst auch immer wieder“. Und ich meine „überleben“ nicht im Sinne von „aushalten“ (dieses Land ist einfach wundervoll, abgesehen von Politik und Wirtschaft), sondern tatsächlich wortwörtlich. Die meisten verdienen bei 8 Stunden und fünf bis sieben Tagen Arbeit die Woche 250 €. Davon gehen 110 bis 220 € (Bucharest) an Miete für eine kleine Einzimmerwohnung ab. Lebensmittel in Supermärkten sowie Ausgehen (Essen, Trinken) kostet etwa ein Drittel dessen, was wir in Deutschland dafür bezahlen. Kleidung, Schuhe, Land, englische Bücher etc. sind sehr viel teurer als in Deutschland. Diese Armut steht in so starkem Kontrast zu den riesigen Ölfeldern, die an meinem Zugfenster vorbeiziehen. (...)
14:05
Auf den vielen, kleinen Feldern stehen die Menschen und bearbeiten die Erde mit kleinen Hacken, graben sie mit Schaufeln um und sähen Getreide aus einem um ihren Körper gewundenen Tuch per Hand. Störche waten durch die versumpften Wasserflächen, und auf unbearbeiteten Feldern sieht man einen alten Mann auf einem Pferdekarren aus Holz, von dem aus er Müll mit einer Schaufel zwischen den Strommasten entsorgt. Es ist wie eine Zeitreise, wenn man mit dem Zug durchs Land fährt. Bucharest und Timişoara haben einen sehr westlichen Einfluss und es gibt nicht genügend Parkplätze für all die Autos, die vor drei, vier Jahren plötzlich aus dem Boden schossen, so dass ein mehrstimmiges Konzert von Alarmanlagen zur alltäglichen Geräuschkulisse geworden ist, während sich Fußgänger auf den Bürgersteigen an den Autos vorbeizuquetschen versuchen. Und Bucharest hat erfreulich viele Theater, die – laut Andrei – auch tatsächlich stets sehr gut besucht sind. Aber hier auf dem Land...?
Ich habe einen Trecker gesehen, und manchmal Pferde, die einen Pflug zogen, aber meist wird die Erde eben doch mit Schaufeln umgegraben. Das Stroh wird zu spitz zulaufenden Hüten zusammengebunden und vor dem Haus gelagert, Schafe grasen zwischen den Eisenbahnschienen und dem Müll. Überhaupt: dieser Müll! Er allein zerstört die Illusion, sich in meinem alten Geschichtsbuch zu befinden. Die Grundstücke sind lang und schmal, darauf ein kleines Häuschen, das aussieht, als würde es bei jedem Windhauch oder Husten einstürzen können. Holz, Wellblech und manchmal Steine bilden die vier Wände dieser Menschen, die in selbstgestrickten Wolljacken und Kopftüchern auch mit altersgebeugtem Rücken noch auf dem Feldstreifen vor ihrem Haus stehen und mühsam den trockenen Boden bearbeiten. An den kleinen Bahnhöfen sehe ich strickende Frauen, dösende Alte, Jungs die barfuss Fußball spielen und Jugendliche in rosa oder dunkelblauen Trainingsanzügen. Die Mädels haben ihre wunderschönen dunklen Haare meist durch schlecht blondierte Strähnen verdorben und tragen Strassapplikationen auf den T-Shirts. Ein Mädchen mit dunkelblonden Haaren, Jeans und Wasserflasche, das zwischen ihren Tüten und Taschen abseits der anderen sitzend ein Buch liest, sticht mir sofort ins Auge. Das könnte ja ich sein... aber mein Zug rollt weiter, und vergeblich versuchen mein neuer Abteilteiler (was für ein Wort...*g*) und ich einen mit Schläuchen gefüllten großen Pappkarton auf die Gepäckablage zu hieven.
Dieses Land ist der Wahnsinn. Satte Erde, Flüsse, Seen, Berge, Wälder, weitgestreckte Felder, Anschluss an Donau und das Schwarze Meer, phantastische Burgen, mittelalterliche Dörfer, eine fesselnde Geschichte, ein weltbekannter Mythos, Ölfelder, schöne und stark westlich orientierte Städte, offene, freundliche Menschen, herangewachsene und heranwachsende Generationen, deren Englischkenntnisse die der meisten anderen europäischen Länder weit übertreffen und die meist noch ein bis zwei weitere Sprachen (Spanisch, Italienisch, Französisch) fließend sprechen und mit dem Verständnis einer eigenen alten Kultur und der Neugier auf den Westen.
Mein Abteilteiler und ich versuchen uns zu unterhalten; das gestaltet sich als schwierig, da er nur seine eigene Sprache kann, aber wenn ich Italienisch spreche und er Rumänisch spricht, verstehen wir etwa immer ein Viertel oder Fünftel dessen, was der andere sagen will ;)
Sagte ich, Bucharest sei eine Stadt der Kontraste? Rumänien ist ein Land der Kontraste. Und über allem schwebt immer noch der Einfluss der Diktatur. Die Revolution war 1989 und Rumänien ist eine Demokratie, doch wer hat hier heute eigentlich das Sagen? Andrei (arbeitet für Sokrates – zumindest die Studenten unter euch müssen jetzt wissend nicken) erzählte mir, dass 90% der im Öffentlichen Dienst Beschäftigten (Lehrer, Professoren, Politiker, Verwaltung etc) über 50 Jahre alt sind. Das bedeutet zum einen für die Schul- und Hochschulabgänger, dass sie keine Arbeit finden. Zum anderen, dass heute die gleichen Menschen Schüler und Studenten unterrichten, die Gemeinden, Städte und das Land verwalten und regieren die gleichen sind wie im Kommunismus. Wen wundert es also, dass alle jungen, gebildeten und ehrgeizigen jungen Leute alles versuchen, um ins Ausland zu kommen? Ràzvan geht nach London, Georgie in die Staaten. Dan braucht nicht weg, er arbeitet in der National Bank of Bucharest. Und Andrei ist aufgrund seines Jobs sowieso mehr unterwegs als zu Haus. Ich sprach Georgie darauf an, dass doch eigentlich gerade die Studenten im Land bleiben müssten, um es auf- und all diese Missstände abzubauen. Aber sie hat wahrscheinlich recht, wenn sie sagte „Was erwartet mich hier denn? Wenn ich mit meinem Studium fertig bin, werde ich entweder arbeitslos oder für 120€ (Anfangsgehalt eines Lehrers) irgendwo auf dem Land an einer Schule unterrichten.“ Sie hat ein Vollstipendium für die Staaten und wird dort nach ihrem Bachelor ihren Master und vermutlich Doktor machen. Und nach 15 Jahren wiederkommen, wenn die heute 50jährigen in Rente sind.
Das waren alles nur Ausschnitte von Eindrücken, die ich gesammelt habe – aber ich war kaum zwei Wochen dort, habe Transsilvanien nicht gesehen, weiß nur aus zweiter Hand über die ungarische Minderheit und die Politik dieses Landes. Aber der Gedanke hat sich verfestigt, dass es eine sehr gute Idee war, PASS für dieses Jahr nach Rumänien zu verlegen – als Chance für das Land, sich dem Westen (nunja, also unseren Teilnehmern *g*) vorzustellen, und für die Teilnehmer, dieses Land zumindest ansatzweise zu entdecken.
Was ich ansonsten mache, wenn ich nicht gerade herumreise? Kabale und Liebe ist nach 28 Vorstellungen, die Wochen im voraus ausverkauft waren, abgespielt, ich habe gerade Semesterferien und schreibe eine Hausarbeit, demnächst beginnen die Proben für das Kinderstück in der Eremitage (Die Kleine Zauberflöte). Ich wäre gerne noch zu einer der Vorstellungen vom „Leben der Bohème“ nach Münster gekommen, aber nachdem ich nach und in Rumänien stunden- und tagelang Zug gefahren bin, muss ich jetzt erst mal dringend eine Reisepause einlegen. Ich wünsche euch aber schöne Vorstellungen und viel Spaß!!
Alles Liebe aus Bayreuth,
Katharina
PS: ja, verflucht mich ruhig für diesen langen emails, aber dafür kommen sie ja auch nur noch ein- bis zweimal pro Jahr ;)
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